Der Umzug in die Schweiz war für uns ein grosser Schritt. Wir wollten gemeinsam einen Neuanfang wagen, mehr Abstand zu meinem/unserem alten Leben gewinnen und neue Perspektiven schaffen.
Doch auch ein Neuanfang bedeutet nicht, dass plötzlich alles einfach wird.
Die ersten Jahre waren geprägt von Veränderungen und Anpassungen. Neue Umgebung, neue Menschen, neue Strukturen. Emotional war diese Zeit nicht immer leicht. Es gab Eingewöhnungsschwierigkeiten, mehrere Wohnungswechsel und auch berufliche Veränderungen.
Mit der Zeit fanden wir jedoch unseren Platz.
Schliesslich zog es uns ins Berner Oberland. Dort fanden wir das Gefühl von Zuhause, nach dem wir lange gesucht hatten. Eine wunderschöne Region, die uns Ruhe und neue Kraft schenkte.
Doch meine Essstörung hatte ich leider nicht einfach hinter mir gelassen.
Sie war mit mir umgezogen.
Auch in der Schweiz holte mich meine Magersucht wieder ein. Mein Gewicht sank immer weiter, bis schliesslich klar wurde, dass ich noch einmal stationäre Hilfe brauchte. Ein zweiter Klinikaufenthalt wurde notwendig.
Dieses Mal fühlte sich vieles anders an.
Vielleicht war ich innerlich bereit, vielleicht hatte ich inzwischen mehr Abstand zu meiner Vergangenheit. In dieser Therapie gelang es mir, viele Themen aus meiner Kindheit aufzuarbeiten. Ich konnte beginnen zu verstehen, was mich über viele Jahre geprägt hatte.
Ein besonders wichtiger Schritt war, dass ich mich mit meinen Eltern aussprechen konnte. Dinge, die lange unausgesprochen geblieben waren, durften endlich ihren Platz bekommen. Ich lernte, zu vergeben – nicht um alles zu vergessen, sondern um meinen eigenen Frieden damit zu finden.
Langsam begann sich mein Leben zu verändern.
Mein Mann und ich bauten uns gemeinsam ein neues Zuhause auf. Wir lernten wunderbare Menschen kennen, aus denen echte Freundschaften entstanden. Schliesslich erfüllten wir uns sogar zwei grosse Träume. Wir kauften ein wunderschönes Haus und ganz frisch ein Wohnmobil Namens „BUBU“.
Auch beruflich fanden wir unseren Weg. Wir arbeiten beide im Gesundheitswesen, in unterschiedlichen Bereichen, aber mit der gleichen Leidenschaft, Menschen zu unterstützen.
Es tat gut zu spüren, dass sich das Leben Schritt für Schritt wieder stabilisieren kann.
Dass es möglich ist, belastende Kapitel der eigenen Geschichte anzunehmen, sie zu verstehen und ihnen ihren Platz zu geben – ohne dass sie das ganze Leben bestimmen.
Diese Erfahrungen haben mir gezeigt, dass Heilung oft kein gerader Weg ist. Es ist ein Prozess aus vielen kleinen Schritten, Rückschlägen, neuen Erkenntnissen und wachsendem Vertrauen.
Und genau in dieser Zeit geschah etwas, das für mich eine weitere wichtige Wendung bedeutete.
Während einer Sitzung bei meiner Ernährungstherapeutin kam plötzlich eine Frage auf.
„Sarah, wir machen jetzt einmal einen Fructoseintoleranztest.“
Ein einfacher Atemtest.
Nach mehr als 25 Jahren voller Beschwerden, Unsicherheiten und Vermutungen kam nun eine Diagnose: Fructoseintoleranz.
Zum ersten Mal hatte vieles eine Erklärung. Nicht alles war „nur“ die Essstörung oder die Folgen des Erbrechens. Mein Körper reagierte tatsächlich auf Fructose.
Dieses Wissen war einerseits eine enorme Erleichterung.
Andererseits brachte es auch neue Unsicherheiten mit sich. Ich musste lernen, meinen Körper noch einmal ganz neu zu verstehen.
Doch dieses Mal fühlte es sich anders an.
Es war nicht mehr nur ein Kampf gegen mich selbst – sondern der Beginn eines neuen Verständnisses für meinen Körper und eine Herausforderung die Unverträglichkeit in meinen Alltag zu integrieren.
Ein neuer Blick nach vorne
Wenn ich heute auf meinen Weg zurückblicke, sehe ich viele schwierige Kapitel. Jahre voller Angst, Essstörungen, Zweifel und körperlicher Beschwerden.
Doch ich sehe auch etwas anderes.
Ich sehe, wie viel Stärke in uns Menschen stecken kann – auch dann, wenn wir sie selbst lange nicht erkennen.
Mein Weg war nicht gerade. Er war geprägt von Umwegen, Rückschlägen und vielen inneren Kämpfen. Aber genau diese Erfahrungen haben mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin.
Heute weiss ich: Heilung bedeutet nicht, dass alles perfekt wird. Heilung bedeutet, sich selbst besser zu verstehen, sich anzunehmen und Schritt für Schritt wieder Vertrauen ins Leben zu entwickeln.
Dieser Blog ist ein Teil dieses Weges.
Hier möchte ich meine Erfahrungen teilen, Mut machen und zeigen, dass auch nach schweren Zeiten neue Wege entstehen können.
In den kommenden Beiträgen werde ich unter anderem darüber schreiben:
- was Fructoseintoleranz eigentlich ist
- wie ich gelernt habe, damit zu leben
- welche Erfahrungen mir im Alltag helfen
- und welche Rezepte und Tipps für mich gut funktionieren
Meine Geschichte endet also nicht hier.
Sie geht weiter – Schritt für Schritt.
Und vielleicht findest auch du auf diesem Weg etwas, das dir Mut macht.
Denn eines habe ich auf meinem Weg gelernt:
Wir können stärker sein als die Angst.
