
Meine Essstörung begann nicht plötzlich. Sie entwickelte sich langsam – aus vielen kleinen Gefühlen, Gedanken und Erfahrungen, die sich über die Jahre angesammelt hatten. Damals konnte ich noch nicht ahnen, wohin mich dieser Weg führen würde.
Meine Kindheit
Ich bin in einem Zweifamilienhaus aufgewachsen. Meine Grosseltern lebten im unteren Stockwerk, meine Eltern und ich darüber. Nach aussen war es ein behütetes Zuhause. Meine Eltern waren beide berufstätig, und so verbrachte ich viel Zeit bei meinen Grosseltern. Sie haben mich ein grosses Stück meiner Kindheit begleitet und unterstützt.
Vor allem meine Oma war für mich ein ganz besonderer Mensch. Sie war mein Fels in der Brandung, mein Schutzort und mein wichtigster Ruhepol. Bei ihr fühlte ich mich sicher, verstanden und angenommen. Für mich war sie einfach die beste Oma der Welt.
Gleichzeitig war meine Kindheit auch von Konflikten geprägt. Zwischen meinen Eltern kam es häufig zu Streit, der mich als Kind sehr verunsicherte. Diese Erfahrungen haben Spuren hinterlassen, die ich erst später verstehen konnte.
Wenn die Situation zu Hause eskalierte, suchte ich Schutz. Oft versteckte ich mich unter dem Bett meiner Oma oder rannte in den nahegelegenen Wald. Dort blieb ich manchmal stundenlang, bis ich das Gefühl hatte, dass sich zu Hause alles wieder beruhigt hatte.
Die lauten Stimmen, das Schreien und die verletzenden Worte hinterlassen Spuren in einem Kind, in mir. Sie lösen Angst aus und lassen Zweifel entstehen. Gefühle wie Sicherheit, Wertschätzung oder das Gefühl, wirklich gewollt zu sein, konnten in solchen Momenten kaum entstehen.
Und doch wusste ich gleichzeitig, dass meine Eltern mich über alles liebten, dass ich ihnen wichtig bin. Für mich war es jedoch schwer, diese beiden Seiten miteinander zu verbinden – die Liebe und gleichzeitig die Angst und Wertlosigkeit zu spüren.
Heute sehe ich diese Zeit mit anderen Augen. Trotz all der Konflikte waren meine Eltern in schwierigen Momenten immer für mich da. Immer dann, wenn ich sie wirklich brauchte. Und das ist bis heute so geblieben.
Meine Geschichte soll deshalb keine Geschichte von Schuldzuweisungen sein. Sie ist mein persönlicher Versuch zu verstehen, was mich geprägt hat und welchen Weg ich gegangen bin.
Viele dieser Gefühle konnte ich damals noch nicht einordnen. Heute weiss ich, wie sehr solche Erfahrungen ein Kind prägen können.
Meine Zuflucht im Sport
Mit der Zeit suchte ich nach einem Ort, an dem ich mich sicher und stark fühlen konnte. Einen Ort, an dem ich für einen Moment all die Unruhe und die vielen Gefühle vergessen konnte.
Diesen Ort fand ich im Sport.
Schon mit drei Jahren begann ich mit dem Geräte- und Bodenturnen. Dort fühlte ich mich konzentriert, fokussiert und frei. Während ich turnte, zählte nur der Moment. Die Bewegungen, die Übungen und das Gefühl, meinen Körper zu spüren und ihn bis zur Belastungsgrenze auszureizen.
Der Sport wurde zu meiner Zuflucht.
Ich trainierte mit viel Ehrgeiz und Leidenschaft. Schon mit fünf Jahren wurde ich Saarlandmeisterin im Geräte- und Bodenturnen. Es folgten viele Wettkämpfe, erste Plätze und sogar Berichte in Zeitungen. In diesen Momenten fühlte ich mich gesehen und wertgeschätzt.
Hier hatte ich das Gefühl, etwas wert zu sein. Etwas gut zu können. Anerkennung zu bekommen.
Das Turnen gab mir Struktur, Kontrolle und Bestätigung. Auf der Turnfläche konnte ich zeigen, was in mir steckt.
Doch auch wenn der Sport mir viel Kraft gab, blieb tief in mir ein Gefühl bestehen, das ich damals noch nicht richtig verstehen konnte. Eine innere Unruhe, Zweifel und der Wunsch, irgendwie besser, stärker oder einfach genug zu sein.
Mit der Zeit begann sich etwas in mir zu verändern.
Was zunächst wie eine Phase der Rebellion begann, wurde später zu einem Wendepunkt in meinem Leben.
Ich hörte mit dem Turnen auf und verlor damit auch einen wichtigen Teil meines Halts.
Die Rebellion
Mit etwa 13 Jahren begann sich mein Leben langsam zu verändern. Ich traf eine Entscheidung, die damals für mich sehr gross war: Ich hörte mit dem Turnen auf.
Von aussen wirkte es vielleicht wie eine normale Veränderung in der Jugend. Für mich bedeutete es jedoch viel mehr. Mit dem Turnen verlor ich einen wichtigen Teil meines Lebens. Der Sport hatte mir über viele Jahre Halt, Struktur und Orientierung gegeben. Ohne ihn fühlte sich vieles plötzlich anders an.
Gleichzeitig begann eine neue Phase in meinem Leben. Gemeinsam mit meinen Freundinnen gründeten wir eine kleine Hobby-Frauenfussballmannschaft. Wir trafen uns oft, spielten Fussball, lachten viel und verbrachten immer mehr Zeit miteinander.
Zum ersten Mal erlebte ich dieses typische Jugendgefühl von Freiheit. Ausgang, erste Partys und auch Alkohol gehörten plötzlich dazu. Alles war neu, aufregend und irgendwie auch ein Stück Rebellion gegen das, was bisher mein Leben bestimmt hatte.
Mit dieser neuen Lebensweise veränderte sich auch mein Körper. Ich nahm ein wenig an Gewicht zu, die Muskulatur vom Turnen ging langsam zurück und mein Körper wurde weiblicher. Zum ersten Mal bekam ich Kommentare von Jungs – manchmal von völlig fremden Jungen, die ich gar nicht kannte.
Gleichzeitig sah ich im Fernsehen immer öfter Berichte über Magersucht und Bulimie. Diese Bilder und Geschichten blieben in meinem Kopf.
Und dann fiel eines Tages ein Satz, der sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt hat.
„Du solltest mal etwas abnehmen.“
Gesagt von jemandem, der eigentlich niemand für mich war. Kein Freund, kein Mensch aus meinem Umfeld. Und doch traf mich dieser Satz mehr, als ich damals verstand.
Heute weiss ich, dass genau in dieser Zeit etwas in mir begann, sich zu verändern.
Was damals mit einem einzelnen Satz begann, entwickelte sich langsam zu einer neuen Beziehung zu meinem Körper – und zu meinem Essen.
Ein Weg, der mich Schritt für Schritt tiefer in eine Essstörung führen sollte.
