Während die Bulimie lange mein Alltag bestimmte, begann sich mein Verhältnis zum Essen langsam weiter zu verändern. Essen fiel mir immer schwerer. Obwohl ich durch die Ess- und Brechattacken immer wieder versuchte, mein Gewicht zu kontrollieren, verlor ich nicht wirklich Gewicht. Stattdessen blieb in mir ein starkes Gefühl zurück, dass mir mein eigener Körper immer mehr entglitt.
Besonders das Gefühl im Bauch wurde für mich zunehmend schwer auszuhalten. Der Gedanke, dass sich Essen in meinem Magen befand, löste immer häufiger Unruhe und Angst aus. Gleichzeitig wurden auch meine körperlichen Beschwerden stärker. Magen- und Bauchkrämpfe, Übelkeit und ein unangenehmes Druckgefühl begleiteten mich immer öfter.
Mit der Zeit begann ich, Essen immer mehr mit Schmerzen und Unwohlsein zu verbinden. In meinem Kopf entstand der Gedanke, dass das Essen meinem Körper schadet und meine Beschwerden verursacht. Dadurch wuchs auch meine Angst vor dem Essen selbst.
Der scheinbar einfachste Weg, diesem Gefühl zu entkommen, war irgendwann das Hungern.
Je weniger ich ass, desto mehr hatte ich das Gefühl, die Kontrolle zu behalten. Mir etwas zu verweigern gab mir ein Gefühl von Stärke und Kontrolle über meinen Körper – zumindest glaubte ich das damals.
Doch gleichzeitig verlor ich mich immer mehr in genau dieser Kontrolle.
Rückblickend begann meine eigentliche Magersucht erst nach meinem ersten Klinikaufenthalt mit 17 Jahren. Der Klinikaufenthalt sollte eigentlich der Moment sein, an dem sich etwas verändert. Der Moment, an dem Hilfe beginnt.
Doch ich war damals noch nicht bereit dazu.
Die Kontrolle über mein Essen und meinen Körper fühlte sich für mich wie Macht an – eine Macht, die mir niemand nehmen konnte. Etwas, das ganz mir gehörte. Ich wurde sogar besser darin. Besser im Verstecken, besser im Täuschen, besser darin, alles zu verheimlichen.
Es war mein eigenes Werk.
Leider auch ein Werk, das langsam meinen Körper und meinen Geist zerstörte.
Nach dem Klinikaufenthalt ging mein Leben zunächst weiter wie zuvor. Ich kehrte zurück in einen Alltag voller Angst, innerer Krisen und zahlreicher ambulanter Therapien. Immer wieder gab es Versuche, mir zu helfen und einen Weg aus der Essstörung zu finden.
Doch mein Weg durch Klinik und Therapien war alles andere als einfach – und auch nicht die alleinige Lösung meiner Probleme.
Mitten in dieser schwierigen Zeit begegnete ich schliesslich einem Menschen, der mein Leben auf eine Weise verändern sollte, die ich damals noch nicht ahnte.
